Vorwort
Manche Lieder verblassen nie, weil in ihnen eine Wahrheit liegt, die jede Generation aufs Neue durchlebt. Paul Simons „The Boxer“ ist so ein Stück – ein zeitloser Nachhall über das Frieren, das Suchen und das Aushalten.
„Der Boxer – Von Wunden, Kälte und dem Bleiben“ ist eine eigenständige poetische Betrachtung dieses Motivs. Es geht um die leisen Zwischenräume hinter den Tönen: Was passiert mit einem Menschen, wenn die Welt um ihn herum schweigt? Wenn Sehnsucht zur Falle wird und Narben zur einzigen Biografie werden?
Dieses Werk ist eine Hommage an all jene, die vom Leben gezeichnet wurden – und die dennoch auf der Lichtung stehen bleiben. Ein Text über die Würde des Aushaltens.
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Der Boxer
Von Wunden, Kälte und dem Bleiben
Eine eigenständige poetische Betrachtung — inspiriert von Paul Simons „The Boxer“
Er war ein armer Junge —
arm nicht nur an Geld,
sondern auch an Gehör.
Niemand hatte seinen Namen
so gesagt,
dass er ihn glauben konnte.
Vielleicht hatte er selbst
aufgehört zu glauben,
dass er einen hatte.
Seine Geschichte fand keine Zuhörer —
und wo nur Schweigen herrscht,
verliert ein Leben leicht den Mut,
sich selbst zu erzählen.
*
Er tauschte seinen Widerstand
gegen eine Tasche voller Gemurmel —
Versprechen mit losem Faden,
die schon beim ersten Zug reißen.
Der Mensch hört das,
was seine Sehnsucht ihm zuflistert —
und überhört das,
was ihn retten könnte.
*
Als er Heimat und Familie verließ,
war er kaum mehr als ein Junge
mit einem Koffer voll Schweigen.
Bahnhöfe sind Orte,
an denen Menschen sich selbst verlieren —
weil alles in Bewegung ist
und nichts bleibt.
*
Er stand dort, verängstigt,
unter Fremden, die ihn nicht sahen.
Er suchte die Viertel auf,
in denen die Armut
keinen Hehl aus sich macht —
dorthin flüchten jene,
für die kein Licht mehr brennt.
*
Arbeit fand er keine.
Nur die Lockrufe auf der Straße der Sehnsucht,
die ihm Trost versprachen —
wie man einem frierenden Hund
die Hand hält.
Es gab Nächte,
in denen die Einsamkeit so laut wurde,
dass er sich dorthin verirrte —
nicht aus Lust,
nur aus dem Bedürfnis,
für einen Augenblick
nicht unsichtbar zu sein.
*
Nun legt er seine Winterkleidung ab —
als streife er eine alte Haut ab —
und wünscht sich fort,
zurück nach Hause,
wo die Winter nicht mehr prüfen,
wie viel Schmerz ein Mensch erträgt,
bevor er sich selbst verliert.
Er sehnt sich nach einem Ort,
an dem Kälte nur noch Erinnerung ist —
und Wärme keine Ausnahme.
*
Auf einer Lichtung
steht nun ein Boxer.
Ein Kämpfer von Beruf.
Er trägt die Erinnerung an jeden Schlag,
der ihn zu Boden schickte —
an jede Narbe,
die ihm Zorn und Scham
ins Gesicht schrieb.
Narben sind Biografie,
die sich nicht löschen lässt.
*
Er war müde vom Fortgehen.
Nicht stark genug um zu bleiben —
aber zu erschöpft
um noch einmal aufzubrechen.
Manchmal —
ist genau das
der Anfang.
*
„Ich gehe fort“, ruft er.
„Ich gehe fort.“
Doch er bleibt.
Nicht weil er muss.
Sondern weil er es kann.
Und Bleiben —
trotz jeder Narbe,
trotz aller Angst —
ist der erste Schritt
nach Hause.
© J.Laß
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Nachwort
„Ich gehe fort“, ruft er – und bleibt.Vielleicht liegt genau hier die tiefste Erkenntnis dieser Betrachtung: Bleiben bedeutet nicht Stillstand. Bleiben heißt, den eigenen Narben ins Gesicht zu sehen, die Kälte der Vergangenheit auszuhalten und sich selbst nicht aufzugeben.Jedes Wort wendet sich an das, was in uns unzerstörbar bleibt – selbst dann, wenn der Mut zu schwinden droht.Die musikalische und bildliche Vertonung zu diesem Text ist ab sofort auf dem YouTube-Kanal von Abenteuer-Literatur zu finden. Möge die Wärme dieses Stücks noch ein wenig nachklingen.
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