Der Schmerz der Zeit

Eines Tages lief ein frustrierter Mann durch den Dunkelwald mit einem Schwert an seiner Seite. Sein Vorrat war reichhaltig an Wein. Sein Name Hedar Maian. Schwarzes langes fettiges Haar und ein unrasierter Vollbart. Die blauen Augen, umkreist von schwarzen Ringen.
Hedar trank einen weiteren kräftigen Schluck aus dessen Weinvorrat. Erneut wurde ein Schlauch geleert und verächtlich weggeworfen.
Plötzlich knackt es. Instinktiv ließ Hedar den Weinschlauch fallen und zog sein Schwert.
„Wer ist da?“, fragte er und versuchte aufrecht zu stehen. Der Wein betäubte seine Sinne.
Ein Mann mit blondem kurzen Haar und gelben Augen taucht auf. Wo Ohren sein sollten, sind keine. Ein roter glänzender Umhang und ein schwarzer dicker Stab der fast so groß ist wie er selbst. Ein Waldmagier!
Hedar unternahm den Versuch einer aufrechten Haltung - doch es misslang ihm.
„Guten Morgen Mensch“, sagte der Magier ruhig und leicht amüsiert. „Trauriger Anblick für einen einst stolzen Kämpfer im Menschenreich.“
„Ihr wisst nichts von mir! Ich ziehe meine Wege und Ihr eure.“
„Immer wieder verwirren sich verzweifelte Menschen in den Dunkelwald, um dort den erlösenden Tod zu finden“, sprach der Magier. „Ihr seid ein Drachentöter. Einst wart ihr ein guter Kämpfer, bis die Leistung nachließ. Euer geordnetes Leben geriet außer Fugen.“
Hedar zuckte zusammen, torkelte und grölte: „Verschwindet! Oder ich bringe euch um.“
Der Magier schüttelt den Kopf. „Wisst Ihr. Ein schlechter Mann meiner Sorte würde euch bei Wort nehmen und es tun. Ich gehöre zu den wenigen Guten und möchte helfen.“
Hedars lachen glitt in ein hysterisches Geheule. „Ihr wollt mir helfen? Soll das ein Witz sein? Bestimmt wollt ihr mich langsam und qualvoll töten!“
Der Magier schüttelte den Kopf und hob seinen Stab. Hedar reagierte zu spät und die Magie des Stabes schlug ihn zu Boden. Eine Zeit lang blieb er liegen. Langsam stand er auf und richtet zitternd das Schwert auf den Magier. „Was habt ihr ...“
Hedar brach zusammen. Der Schmerz in ihm kam zurück, den der Alkohol ausgelöscht hatte.
„Ich habe euch von eurem giftigen Konsum befreit. Gewiss werdet ihr wütend auf mich sein. Vielleicht seid ihr mir später dankbar dafür.“
„Dankbar?! Wofür?“
„Ihr seid ein gebrochener Mann, den der Schmerz der Zeit plagt. Alkohol und andere Konsumgüter werden euch nicht befreien. Das Einzige was euch helfen kann, ist die Suche.“
„Die Suche nach was? Ich weiß gar nicht, was ich will. Ohne meine Gilde bin ich nichts. Ich habe versagt! Ich wurde zu schwach, um weiter effektiv Drachen in der Arena zu töten. Meine Konkurrenten überholen mich in ihrer Stärke.“
Der Magier nickt. „Ein Drachentöter seid ihr, der in einer Arena der Belustigung eine wilde Kreatur abschlachtet?“
Hedar seine Hände verkrampften sich. „Was heißt hier abschlachten? Diese Kreaturen sind gefährlich und böse. Wir demonstrieren durch die Arenakämpfe nur die Macht der Menschen. Wir befreien die Menschen vor der Angst solcher Kreaturen.“
„Das nennt ihr Befreiung?“, fragte der Magier. „Drachen sind friedliche Kreaturen. Die Bösartigkeit haben sich Menschen ausgedacht, um einen besseren Grund für das Töten zu haben.“
Hedar stürmt auf den Magier zu. Mit Leichtigkeit pariert dieser den Angriff und verpasst dem Drachentöter einen Schlag in den Magen.
Gekrümmt weicht Hedar zurück.
„Ich weiß, dass es wehtut, so etwas einzusehen. Hör auf mich als deinen Feind zu sehen. Ebenso solltest du ablegen Drachen und andere Kreaturen, die du nicht verstehst, als Feinde zu betrachten.“
„Was bringt mir das? Ich bin ohnehin ein Niemand geworden, weil ich nicht mehr die Leistung erbrachte für meine Gesellschaft und zudem ein Mord beging. Für Versager und Mörder ist in keinem Lande der Welt ein Platz. Meine Frau und Kinder sind von mir gegangen.“
Der Magier runzelte die Stirn. „Wie kam es, dass du versagt hast?“
„Die Zeit schwächte, meinen Körper und mein einst eiserner Verstand begann sich mit Zweifel zu zersetzen.“
„Warum sind Zweifel schlecht?“
„Weil sie dazu führen, dass wir die Wahrhaftigkeit verlieren.“
Der Magier seufzt. „Woher hast du das?“
„Von der Dienerschaft des Herrn.“
„Mhh ... Eine komische Glaubenssache.“
Der Drachentöter verengt seine Augen. „Was ist daran schlecht?“
„Nichts. Es kann unter Umständen die Suche nach sich selbst verzerren oder gar behindern.“
„Oh klar“, sagte Hedar gehässig und wollte weitergehen, doch der Magier stellte sich eisern in den Weg.
„Wenn du in diesem Zustand weiter gehst, dann wirst du dich verlieren im Wald und nicht mehr herauskommen. Der Dunkelwald verschluckt das, was zerrissen ist.“
„Das trifft sich gut. Den Tod suche ich“, knurrt der Drachentöter.
„Nun. Es ist aber kein Tod, der dich erwartet. Du wirst ewig durch den Wald wandern und niemals den Tod finden.“
Hedar wurde bleich im Gesicht und schaute sich um. Er war sich nicht sicher, ob er den Rückweg noch kannte.
„Dann will ich zurück!“
„Das ist unmöglich. Du musst durch den Wald gehen. Mit dem ersten Schritt hast du dich der Macht des Waldes unterworfen.“
„Wie bei allen Göttern soll ich das Schaffen?!“
„In dem du herausfindest, wer du bist und was du willst. Wenn du das weißt, dann wird der Ausgang kommen.“
„Das ist Irre!“, brüllte Hedar. Er atmete tief ein und aus. Gerade so konnte er sich noch zurückhalten erneut den Magier anzugreifen.
„Finde es selbst heraus“, erklang die Stimme des Magiers, die rasch ferner zu werden schien. Plötzlich war der Magier fort. Er hatte sich so schnell vor Hedar aufgelöst, dass er es gar nicht registriert hatte.

Er war wieder alleine und die Verzweiflung durchdrang seinen Körper. Er zog sein Schwert und versuchte sich zu töten, doch es gelang nicht. Er konnte sich keine einzige Wunde zufügen. Egal wie er es machte!
Innerlich verfluchte er den Magier, aber es half nichts.
Mit wackligen Beinen zwang er sich dazu, durch den Wald zu laufen. Das Gefühl für die Zeit entglitt ihm. Die Sonne wurde vom Dunkelwald ausgesperrt. Bloß vereinzelt gab es Lichtungen.
Auf den Lichtungen sah er sich selbst. Sein Leben spielte sich da ab. Die Turnierkämpfe, der Ruhm, der Sieg, die Ehre und dann die Niederlagen. Er sah sich selbst wie er immer kälter, abweisender und aggressiver gegenüber seiner Frau und Kinder wurde. Er konzentrierte sich voll auf das Training. Er wollte mehr Stärke haben! Volle Leistung geben, um ganz oben an der Spitze zu stehen. Die Gilde verlangte den Preis. Ihrem Anspruch musste er gerecht werden, um weiter zu kommen.
„Meine Frau und Kinder gingen von mir, weil ich mich verloren habe“, stammelte Hedar.
„In der Tat“, sprach die ferne Stimme des Magiers. Hedar schaute sich um aber sah niemanden.
„Aber ... Aber die Dienerschaft sagte, dass mich keine Schuld trifft. Die giftige Natur meiner Frau hat die Ehe zerstört und mir die Kinder genommen.“
Der Magier brummt. „Deine Mitmenschen sind verblendet. Es ist leicht anderen die Schuld zu geben - schwer sie sich selbst einzugestehen.“
Umso tiefer der Drachentöter ging, desto mehr schmerzte der Lauf der Zeit, die er über sich sah. Seine Kinder, die er zu hart bestrafte, weil sie den Ansprüchen nicht gerecht wurden.
„So viele Fehler, die ich tat. Das kann ich niemals mehr gutmachen.“
„Die Einsicht ist bestimmend. Ob Wiedergutmachung erreichbar ist, wird die Zeit dir zeigen.“
„Wie befreie ich mich?“, fragte Hedar. „Wie geht es heraus? Ich sehe ein, dass ich vieles falsch gemacht habe.“
„Wie stehst du zu den Geschöpfen, die du abschlachteten hast?“
„Das war mein Job! Für den Arenakampf lebte ich.“
Bilder tauchen auf, wie der Drachentöter die Bestien bezwang und sie gerne fürs Publikum qualvoll umbrachte. Er lächelt den Bürgern zu mit einem blutigen Schwert in der Hand und beweist ihnen die Überlegenheit der Menschen. Das Volk jault euphorisch auf. Kinder die lachen, Erwachsene deren Blutdurst unendlich erscheint. Kein Wesen auf der Welt kommt diesem Zustand nahe.
„Ich hatte gefallen daran, im Rampenlicht zu stehen“, sagte Hedar heiser. „Vom Volk als Held gesehen zu werden. Das Gefühl war unglaublich. Ich fühlte mich vollkommen und unbesiegbar in der Arena.“
Der Magier brummt. „Bis eines Tages bessere Kämpfer dich vom Platz trieben und du neidisch wurdest. Deine Frau und Kinder, die aus Angst vor die flohen.“
Hedar konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ich war so dumm. Die Arena hätte niemals mein Leben sein dürfen. Ich habe sie zu sehr an mich herangelassen. Ich bin mit ihr verschmolzen. Die Krönung wollte ich sein!“
„Und dann brachtest du aus Zorn einen Konkurrenten aus der Gilde um und wurdest ausgestoßen. Nicht wahr?“
„Naja ... Ja ... So war es“, sagte Hedar. „Was seid ihr? Eine Art Gottheit?“
Der Magier seufzt. „Als das missverstehen uns viele Menschen. Wir tun bloß die Gebrochenheit und Zerrissenheit der Wesen spiegeln, die hierher kommen. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Wie komme ich hier raus?“
Keine Antwort kam.
„Hallo! Ich Frage dich etwas! Du kannst mich doch nicht einfach schweigen!“
Weiterhin keine Antwort. Der Drachentöter wurde immer mehr verzweifelt und irrte durch den Wald herum.
Nirgendwo war ein Ende am Weg zu finden. Die Bäume wichen nicht und auch keine Lichtungen waren mehr in Sicht. Er schlug mit dem Schwert gegen Gestrüpp und Bäume, bis er kraftlos war und zusammenbrach.
Als er am Boden lag, merkte er den Fehler, weshalb er hier gefangen blieb. Es war das Schwert des Stolzes das er weiterhin bei sich trug.
Schwer wog das Schwert in seiner Hand und größer war der Schmerz es herzugeben. Beinah wäre er wieder zusammengesackt, als das Schwert auf die nasskalte Erde fiel und dumpf aufprallte.
Keine Stimme erklang, aber er spürte nun wie eine Last von ihm viel. Auf einmal war ihm klar, wie er hier herauskam. Er fing an zu rennen und kein Baum und Gestrüpp kam ihm in die Quere. Immer mehr Lichtungen kamen und die Dichte der Bäume sank rasant ab. Und dann hatte er den Wald verlassen.
Wehmütig wegen seines Schwertes schaute er zurück auf den Dunkelwald.
Der Magier stand davor und lächelt ihm freundlich zu. „Mach was aus deiner Freiheit. Fang was Gutes mit dem Leben an und verliere dich nicht mehr.“
Hedar nickt ihm zu. „Das tue ich. Bewusster und stärker durch die Welt gehen. Angefangen mit meiner Familie. Die Wunden werde ich heilen, die ich dort aufgerissen habe.“
„Perfekt“, sprach der Magier. „Dann gehe deinen Weg. Der Drachentöter ist im Walde gestorben. Du bist ein neuer Mensch! Denke daran.“
Hedar ging seinen Weg. Der unbekannte Weg machte ihm keine Angst. Durch den Dunkelwald hatte er die Suche zu schätzen gelernt.

© Jonathan Engert

 

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