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Grenzerfahrungen

Grenzerfahrungen

Es ist ein traumhafter Frühlingstag. Uns sticht der Hafer – wir müssen mal wieder raus. Raus aus der näheren Umgebung, wo uns jeder Busch und jeder Baum persönlich guten Tag sagt. Immer schon, bereits in jungen Jahren, sind wir viel hinaus in die Natur gegangen, immer schon mit Hunden. Lange Jahre sind wir einen Weg im Bergischen Land nicht mehr gegangen. Zweimal nur in all den Jahren. Und – nein, das Gestein hält keine Fossilien für uns bereit. Dafür fand ich dort Kristalle im Gestein. Da musste ich noch einmal hin. Der Weg war mir als ziemlich eben in Erinnerung. Es sollte eigentlich kein Problem sein, ihn zu gehen – und mit Pausen sowieso. Also los. Schon nach kurzer Zeit stieg der doch ziemlich holperige, steinige Weg ordentlich an. Nun ja, er war zu bewältigen. Ich habe ja luftbereifte, größere Räder an meinem Gefährt. Es sollte ein Rundweg werden, wie wir uns erinnerten. Damals führte der Weg über ein sumpfiges Quellgebiet auf kleinen Brücken. Wir trafen eine Frau. Wir erkundigten uns, ob es auf dem Weg noch einen Übergang gibt. Ja, den gäbe es, aber der Weg ziehe sich. Außerdem seien da noch Treppen! Die gab es wohl damals noch nicht – ich erinnere mich jedenfalls nicht daran. Sie schaute auf meinen Rollator und meinen weißen Kopf und dachte wohl: „Die alten Leute mit den zwei Hunden – was die sich wohl zumuten wollen.“ Zwischenzeitlich waren Strecken schön eben, dann wieder sehr abschüssig. Wir sahen Wanderer auf der anderen Bachseite gehen, also könnte es doch machbar sein. Weiter ging es: teils relativ eben, mal stark abschüssig, teils mit erheblicher Steigung. Ja, es war ein sehr anspruchsvoller Weg. Und dann kamen wir in das sumpfige Quellgebiet. Ein gut begehbarer Holzsteg führte hindurch, dazu eine hölzerne Brücke. Wir waren doch schon etwas ermüdet. Und dann kam die von der Frau erwähnte Treppe: schmal, sehr hoch hinauf. Ich habe es versucht. Nein, es war nicht zu bewältigen. Ich klappte meinen Rollator zusammen, versuchte es so. Nein – die Kraft reichte einfach nicht. Und meinem Mann ging es genauso.
 
Was blieb? Rückzug auf dem gleichen Weg. Er war eigentlich schön, bot den Hunden sogar eine kleine Quelle zum Trinken. Aber für uns war es wie ein Versagen, ein Erkennen müssen, dass unsere Leistungsfähigkeit doch nicht mehr ausreicht, um diesen ganzen anspruchsvollen Wanderweg zu bewältigen. Gut, ich habe noch einen Stein mit Kristallen gefunden – keine besonders schöne Stufe. Letztendlich habe ich ihn dort gelassen. Wir mussten erkennen: Abschied lernen, auch von schönen Erinnerungen. Es ist nicht mehr alles machbar, was man meint und sich wünscht.
 
© Karin Oehl
 
 
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