
Ich habe diese Ballade geschrieben, weil mich eine Frage nicht loslässt: Wie schaffen es Menschen, gemeinsam etwas Furchtbares zu tun und danach mit sich im Reinen zu sein? Das Dorf in diesem Lied liegt „hinter den Hügeln, wo die Frömmigkeit wohnt". Es könnte überall sein und zu jeder Zeit. Was mich daran interessiert, ist nicht der Einzelne, sondern das Muster.Es beginnt mit der Fassade: „Die Häuser sind sauber, die Zäune frisch gestrichen — und die Sünden der Väter sind heimlich verblichen."
Der Soziologe Émile Durkheim beschrieb schon vor über hundert Jahren, dass Gemeinschaften ihre Werte auch dadurch bekräftigen, dass sie Abweichler bestrafen. Die Bestrafung des Einen dient dann der Beruhigung der Vielen. Der Psychologe Benoît Monin und seine Kollegen haben mit dem Konzept des „moral licensing" gezeigt, dass wir uns nach einer guten Tat oft erlauben, weniger gut zu sein. Wer spendet und sonntags im Chor singt, fühlt sich sicher auf der richtigen Seite. Ich habe es so gesagt:„Man spendet für Arme in der fernen Mongolei — doch geht an der Armut vor der Haustür vorbei." Der bucklige Michel ist der Fremde im eigenen Dorf. Er sagt nichts. Er sieht nur, und das genügt: „Er sagt nichts. Er schaut nur. Das reicht."
Carl Gustav Jung sprach vom „Schatten", dem Teil von uns, den wir nicht anschauen wollen und deshalb auf andere projizieren. Der Blick des Michel erinnert das Dorf an das, was es vor sich selbst versteckt. Der Kulturanthropologe René Girard hat in seinem Werk über den Sündenbock-Mechanismus beschrieben, wie Gruppen in Krisen ihre Spannung entladen, indem sie sich auf ein einziges, meist schwaches Opfer einigen. Der Psychologe Melvin Lerner nannte einen weiteren Baustein den Glauben an eine gerechte Welt: Wenn etwas Schreckliches geschieht, muss es einen Schuldigen geben, und wenn jemand leidet, hat er es irgendwie verdient. Genau so bricht das Unglück ins Dorf ein: Ein Kind ertrinkt, und die Wut braucht ein Gesicht. „Während der Mob sich aus Angst eine Wahrheit baut."
Was danach folgt, ist im Gedicht das Erschreckendste, weil es so normal wirkt. Gustave Le Bon schrieb über die Psychologie der Massen, in der der Einzelne sich im Kollektiv verliert. Albert Bandura beschrieb die moralische Entkopplung: Wir verschieben die Verantwortung auf die Gruppe, entmenschlichen das Opfer und nennen die Tat gerecht. Hier kommt sie sogar im Gewand des Heiligen: „Sie schlagen ihn nieder mit heiliger Gier."
Und dann, für mich die bitterste Stelle der Ballade, das Ritual des Reinwaschens:
„Dann waschen sie gründlich die Hände im Bach. Und die Glocke vom Kirchturm schlägt pünktlich um acht." Der Nebel fällt wieder weich ins schlafende Tal, wie am Anfang. Nichts hat sich verändert, außer dass ein Mensch fehlt. Die Rechnung geht für das Dorf auf:
„Herrgott, dank dir schön — es herrscht wieder Moral."
Ich habe mich beim Schreiben von der Tradition der bitteren Zeitkritik leiten lassen, von Brecht, Tucholsky und Nestroy, die den Spiegel dorthin gehalten haben, wo es wehtut. Ich will damit nicht auf ein bestimmtes Dorf zeigen, sondern auf einen Mechanismus, den jede Gemeinschaft kennt, auch die, in der wir leben.
Was nimmst du aus diesem Song mit? Wo hast du schon einmal erlebt, dass eine Gruppe sich auf einen Einzelnen eingeschossen hat? Und was braucht es, damit ein Mensch im entscheidenden Moment das Fenster öffnet und sagt: Das ist nicht richtig? Schreib es mir gern in die Kommentare. Ich lese jeden einzelnen.Vielleicht beginnt Moral dort, wo wir die weiße Weste nicht mehr für unsere Haut halten.
💛 Hinweis: Wenn du Ausgrenzung, Mobbing oder Gewalt erlebst oder erlebt hast, bist du damit nicht allein. Das Opfertelefon des Weißen Rings (116 006) ist kostenfrei erreichbar, die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111. Bei akuter Gefahr wähle 110.
Die weiße Weste - Eine Dorfballade -vertont
🎵 Text und Konzept: Joachim Laß
🤖 Musik generiert mit: Suno AI
🌿 Teil der Reihe „Lieder aus Licht und Schatten"
🎧 Alle Songs aus eigenen Gedichten
👉 Playlist YouTube „Songs aus eigenen Gedichten"hier
📖 Den vollständigen Text und weitere Werke findest du hier: 👉www.abenteuer-literatur.de
✍️ TEXT & MUSIK
Text: Joachim Laß
Originaltext – unverändert verfasst
🎵 Musik:
Mit Unterstützung der künstlichen Intelligenz Suno AI generiert.
© Joachim Laß | Abenteuer-Literatur

Aktuell sind 2757 Gäste und keine Mitglieder online