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Erinnerungen an Vergangenes

Erinnerungen an Vergangenes

 

Meine Eltern waren getrennt, ich musste vor meiner Einschulung alljährlich10 Wochen im Jahr zu meinem Vater ins Weserbergland. In der anderen Zeit im Jahr war ich bei meiner Mutter, die so berufstätig war, dass sie selten für mich da sein konnte. Sie nahm ihre Verpflichtung zur Erziehung sehr ernst -zu ernst, denn oft blieben Lockerheit und Humor auf der Strecke und wichen Angst vor schweren Strafen. Manchmal was sie unberechenbar in ihren Reaktionen. Da war meine Großmutter so anders, aber auch die war sehr streng, sehr auf Ordnung bedacht, Mädchen und schmutzig machen - ging gar nicht. Der Aufenthalt bei meinem Vater war so anders. Auch der hatte seine Verpflichtungen und war nicht immer da auch da lag die Hauptlast auf der Großmutter, erst war noch Großvater da, ein Kinderfreund, der mit uns viel Blödsinn machte, viel lachte, uns viel nachsah. Im Haus lebte auch meine Tante mit ihren Jungs, meinen Cousins und wie das so ist unter Jungs, die Spiele waren oft rauer und man blieb nicht sauber. Hinter dem Haus floss ein Bach, Das war für uns ein toller Spielplatz und Omas Garten, wo immer was zu naschen war. Und es gab Katzen und einen Hund, von dem alle sagten, dass er böse wäre, Irgendwann hat man mich gesucht und schon fast die Polizei verständigt, dabei schlief ich nur selig in der Hundehütte und die alte (böse) Molly bewachte mich.

Ich habe es oft gehört und Bilder sprachen auch davon, dass dieser Opa die Bruchsteine für das Hausfundament selbst gebrochen hat. Oma und er haben den Lehm für das Fachwerkhaus mit eigenen Füßen gestampft. Es war ein für meine Begriffe wunderschönes Haus. Heimelig war es in der großen Küche, Das Wohnzimmer wurde so gar nicht genutzt. Daran schlossen sich zwei "" Jungs Kammern an, An die Küche schloss sich die Speisekammer an, wo es immer was zu naschen gab. Im Keller waren die Regale voll mit Eingemachtem.

Auch bei meiner Mutter war Eingemachtes vorhanden, wurde aber strengstens rationiert und kontrolliert. Das war bei Vaters Mutter anders. Wenn wir Kinder Lust auf eingeweckte Pfirsiche oder Kirschen hatten, kamen die auf den Tisch. Gegenüber dem Hause ging es über eine Straße hoch in den Wald. Viel Spielzeug hatten wir nicht, aber der Wald war voll davon, Zapfen, Rinde, Blätter. Was brauchte es mehr als ein Taschenmesser und die Bötchen schwammen im Bach um die Wette. Und Opas Werkzeugkiste war unerschöpflich. Wenn die Gänse gerupft wurden, war es für uns Kinder ein Märchen. Wie Frau Holle- und die armen Gänse kamen zur Linderung ihrer Schmerzen sofort ins klare kalte Bachwasser. Lebendrupf -früher Garant für beste Federbetten ist heute als Tierquälerei verschrien. Ich kenne noch den alten Dorfladen, wo es bei den betreibenden Schwestern immer ein Himbeerbonbon dazu gab beim Einkauf, wenn ich als Kind mitkam. Und in den Gasthäusern  zur  Brücke oder zum  Krug versammelten sich immer die Männer am Wochenende für einen ausgiebigen Klaaf, der häufiger als es den Frauen lieb war, in einer handfesten Auseinandersetzung endete. Manche blutige Nase war zu versorgen. Niemand rief die Polizei oder zeigte an, Dann hatte das Dorf immer für eine Woche Gesprächsstoff.

Die Schmiede war immer was Besonderes, laut, besonders stinkend, wenn Pferde beschlagen wurden. Wenn mein Vater mal wieder einem Huhn den Kopf abschlagen musste, weil es in den Topf sollte, war ich immer weit, weit weg. Ein Schwein durfte nie geschlachtet werden, wenn ich dort war. Eine Ziege war sehr böse, ich meinte es gut mit ihr und sie trieb mich in eine Stallecke und stieß mich immer wieder, bis mein Gebrüll meinen Vater herbeiholte. Dann gab es was - für die Ziege, nicht für mich. Und das kleine Feld, wo die schönsten Blumen wuchsen die wir der Oma als Strauß mitbrachten oder uns Kränze machten. Dort, wo wir Kartoffeln und Anderes ernteten.  waren wir gerne und dorthin zogen wir gern den Bollerwagen mit den Gartengeräten. 

Und wir fanden dort heimische Orchideen pflückten sie damals noch, heute ziert so eine Orchidee das Ortswappen, Man findet sie kaum noch.

Und Kirschenzeit, Wir Kinder, ob Jungen oder Mädchen waren wie die Affen in den Bäumen und so mancher Bauch kniff nach einer ausgiebigen Kirschmalzeit heftig.

Jahre vergingen, meine Reisen dorthin wurden seltener, Auch meine Onkels hatten geheiratet, hatten Kinder, Mit den Cousinen verstand ich mich gut, der Cousin- nee war nicht so meine Wellenlänge, auch die anderen Cousins u. ich verloren uns aus den Augen. Beide erkrankten an Diabetes, der Älteste starb früh und überraschend in einem Gasthaus, während seine Frau in der Stadt einkaufen war.

Ein Anderer war verheiratet, die Ehe ging schief, mit einer Tochter habe ich noch Kontakt. Seine Schwester verstarb jung an Krebs. ich erfuhr erst später davon. Von einem anderen Onkel die Tochter ist auch verstorben an Krebs. Der alte Onkel hatte im Krieg zwei Verschüttungen erlebt und war schwer und nachhaltig traumatisiert, Ich glaube, seine Frau hatte es mit ihm auch nicht leicht. Beide sind lange tot.

Meine eine Tante ist längst verstorben, ich habe viele Jahre keinen Kontakt mehr gehabt. Deren letzter Sohn auch Diabetiker verstarb auch vor zwei Jahren, Er hatte das alte Elternhaus geerbt, Dieses alte Haus steht jetzt unter Denkmalschutz, Er hat es gut unterhalten und es sich wohnlich dort gemacht. Mit seiner Frau habe ich keinen Kontakt.

Und die Tante, die auch ihre Tochter an Krebs verlor, verschwand für mich irgendwann -antwortete auf meinen Brief nicht mehr, nahm den Telefonhöher nicht mehr ab. Viel später erfuhr ich von der Enkeltochter, dass sie verstorben ist.

Diese Enkelin ist nun mein einziger Kontakt dorthin, Das Grab meines Vaters existiert nicht mehr, dass meiner Großeltern schon lange nicht mehr, dass meiner beiden Cousinen schon eine Weile nicht mehr.

Noch immer zieht es mich mal dort hin. Niemand weiß mehr von mir, niemand kennt mich noch. Das Dorf ist gewachsen, viel hat sich verändert.  Das ist ja auch normal.

Meine Mutter lebt nun auch schon 23 Jahre nicht mehr, auch der Ort, wo ich hauptsächlich aufwuchs hat sich verändert, Auch dort kennt mich niemand mehr.

Verwandte habe ich hüben wie drüben nicht mehr. Ich bin alt geworden, blicke oft wehmütig und doch auch lächelnd zurück Das Leben ist so bunt, nicht nur schwarz und grau, wie man es manchmal zu sehen meint. Und die Erinnerung ist der Ort, aus dem uns nur der Tod vertreiben kann.

Auch hier, wo wir seit fast 60 Jahren leben gibt es schöne Ecken, vertraut gewordene Menschen.  Die Welt ändert sich ständig, wir uns mit ihr.

Wurzeln wurden gefasst, neue gefasst und entwickelt, Was ist Heimat? Ist das Neue Heimat geworden? Nur geschränkt, wohl wissend, dass es ein Zurück niemals geben kann und auch nicht darf.

© Karin Oehl

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