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Erfahrung einer Auswanderung nach Ungarn

Erfahrung einer Auswanderung nach Ungarn

Elmar Forster k
 

Elmar Forster – Auslandsösterreicher in Ungarn

„Auf der Welt, um zu Hause zu sein“ (ungarisches Sprichwort)

 

Der Beginn meiner Auswanderung nach Ungarn hat ein exaktes Datum…: Im August 1992 nahm ich ein Auslandslektorat an einem bilingualen Gymnasium in Westungarn an… Seit damals zwang mich dieses verborgene Land, die ungarische Mentalität mit ihrem Freiheitsdrang, ihrem Warten-Können und ihrem Gleichmut förmlich dazu, zu bleiben…

Meine Zelte in Österreich sind längst endgültig abgebrochen: 1996 habe ich Wien verlassen und bewohne seither mit meiner ungarischen Frau ein altes Bauernhaus, bewirtschafte einen Wald und zwei Weinberge… Seit damals lautet meine Devise: „Leben als würde man jeden Tag sterben. Und arbeiten, als würde man ewig leben.“ (Klosterweisheit)

Ungarn hat aus mir einen glücklicheren Menschen gemacht, als ich es vorher gewesen bin… Davon handelt auch mein Buch:

„Ungarn – Freiheit und Liebe:
Plädoyer für eine verleumdete Nation und ihren Kampf um Wahrheit“

 

Mag sein, dass mir als Österreicher manchmal die Berge fehlen… Aber nicht nur Ungarns wärmeres Klima wiegt alles bei Weitem auf: Der Herbst ist hier bis Mitte November mit Spätsommertagen gefüllt. Und die ersten Vorboten des Frühlings zeichnen sich schon im Februar ab. Der Frühling am Balaton ist eine Symphonie an Gerüchen, Licht und Farben. Und es gibt kein Gewässer der Welt, das ich im trockenen pannonischen Sommer gegen den Gänsestrand an der Donau hinterm Haus tauschen würde, wegen seiner Einsamkeit und Unberührtheit.

Ungarn ist Weinland: „Wo der Wein fehlt, stirbt der Reiz des Lebens.“ (Euripides) – das wussten nicht nur die alten Römer.

Nichts charakterisiert die ungarische Seele besser als dieses Sprichwort: „Jedes Wunder dauert drei Tage.“ – Es handelt vom Vergessen-Können, das irgendwann in ein stilles Verzeihen mündet: Denn es gibt hier in Ungarn nach einer gewissen Zeit keine schwarzen Bücher mehr, in denen die Vergehen der Mitmenschen gespeichert sind… Das Leben bleibt offen für immer neue Neuanfänge…

Und dennoch haben gerade deswegen viele Dinge und Werte hier nach wie vor Gewicht und geben Sicherheit: Familie z.B. … Nicht, dass auch hier gestritten wird… Aber wenn man einander braucht, sind die anderen immer da gewesen… Freundschaft… Oder: „Ein Wort ist ein Wort.“

Auch die ungarische Sprache verrät viel von der Wertschätzung dem anderen gegenüber… Wenn die Ungarn über den Vater, die Mutter, den Sohn oder die Tochter sprechen, verwenden sie immer den Zusatz „édes“ (süß) – „az én édes apám“ mit Betonung auf „mein“„der meinige süße Vater“.

In Österreich ruft man im Restaurant den Kellner mit eine lauten herrschaftlichen: „Zahlen!!!“ – in Ungarn mit: „Ich würde gerne zahlen dürfen!“ In Ungarn heißt die „Ehefrau“ „feleség“, was soviel bedeutet wie „Hälfte“. Westliche Feministinnen suchen hier genau wegen dieser gelebten Gleichberechtigung vergeblich nach Geschlechter-Kampffeldern… Und diese Wertschätzung betrifft übrigens beide Geschlechter.

Zugegeben: Das Erlernen des Ungarischen ist am Anfang etwas schwierig. Auch weil es gewisse Laute im Deutschen nicht gibt. So gibt es zwei Arten von „e“: eine langes und eines als Mischung aus e und ä…: Verwechselt man beide kann es zu Missverständnissen kommen: „feleség“ bedeutet dann statt „Ehefrau“ nämlich „feleseg“ „halber Arsch“. Oder „Polizei“ (rendőrség ) plötzlich „Polizistenarsch“ (rendőrseg)…

Hat man aber die erste Grundlagen im Ungarischen erlernt, ist diese nicht-indogermanische Sprache auch wieder einfacher zu handhaben als das Deutsche: Es gibt nur drei Zeiten (Gegenwart, Mitvergangenheit, Zukunft), keine lästigen Adjektivdeklinationen, keine Großschreibung… Etwas gewöhnungsbedürftig ist…: Das Ungarische ist eine sog. agglutinierende Sprache, welche etwa die einzelnen grammatikalische Fälle, den Plural oder unsere Vorwörter hinten oder vorne ans Wort anhängt: „Ich gehe in meine großen Häuser.“„Be-megyek a nagy háza-im-ba“ („be“ hinein – „im“ mein / „ba“ hinein / das Adjektiv bleibt undekliniert).

Allerdings lohnt sich die Mühe…: Denn nie werden Sie einen Ungarn treffen, der sich über ihre Fehler lustig macht. Sondern im Gegenteil: Es erfüllt die Ungarns mit Stolz, dass ein „Fremder“ ihre Sprache zu sprechen versucht. Und man erhält nur positive Rückmeldungen: „Sie sprechen so gut Ungarisch!“

Die ungarische Nation ist durch den Friedensschluss von Trianon (1919) zu einem Kleinstaat geworden: Sie verlor 2/3 ihres Territoriums und knapp 60 % seiner Gesamtbevölkerung (vorher 18,2 Mio., danach 7,7 Mio.). In allen abgetretenen Gebieten (heute v.a. Slowakei, Serbien, Ukraine) lebten bis 2019 insgesamt 10 Millionen Menschen (3,2 Millionen, also 30,5% waren Ungarn). In Siebenbürgen gibt es Gebiete, die zu über 90 Prozent nur von Ungarn bewohnt werden (z. B. das Szeklerland).

Das erklärt auch mit, warum die Ungarn eine sehr starke Bindung zu ihrer Nation empfinden. Selbst der Karpatenstalinist Ceausescu biss sich am nationalen Überlebenswillen der ungarischen Minderheit in Rumänien die Zähne aus. Dasselbe betrifft die Ungarn im Mutterland („anyaföld“) – etwa in ihrem Selbstbehauptungswillen gegen die Tartaren, die Türken, die Habsburger, die Sowjetkommunisten.

Ich werde nie meinen ersten Silvester-Ball in Ungarn vergessen: Die Menschen feierten ausgiebig… Bis – wie von Zauberhand einige Minuten vor der Stunde 0 – die ausgelassene Stimmung in ein ernstes Schweigen umschlug: Die Menschen jeden Alters, jeder sozialer Schicht erhoben sich und sangen die Nationalhymne, die in allen ungarischen Rundfunkstationen ertönte. – Die geheime Message: „Für fünf Minuten sind wir alle vereint unter der ungarischen Nation…“

Dann freilich ging die Lebenslust wieder weiter… – Gerade in Deutschland und Österreich ist diese nationale Identität nur mehr schwer verständlich… Doch gab und gibt nur sie Kraft zum Überleben…

Über Ungarn wurden in den letzten Jahren (v.a. von EU-Politikern und Westmedien) Lügen verbreitet… Die Realität ist genau das Gegenteil: Ich habe noch nie so ein weltoffen-tolerantes und gleichzeitig nachsichtig-geduldiges Volk wie die Ungarn erlebt. In all den 30 Jahren habe ich kein einziges Mal ein gegen mich als Österreicher gerichtetes rassistisches Vorurteil vernommen. (Das kann ich von meiner Ex-Heimat Österreich vice versa leider nicht behaupten…)

Das erleichtert auch die Integration für Auslands-Deutsche: In den Touristengebieten spricht man zumindest rudimentär Deutsch, es gibt in den wichtigsten Zentren deutschsprachige Anwälte (etwa für Immobilienverträge…). Und auch die Nachbarn helfen einem immer gerne weiter…

Aber, und das soll man nicht unterschätzen…: Die Ungarn wissen, was sie (nicht) wollen… Sie sind zwar weltoffen, aber sie wollen keine Konflikte, die aus einem falsch verstandenen Multikulti-Toleranz-Komplex entstehen. Sie wollen eben Ungarn bleiben, und zwar verankert in einer christlichen Überzeugung.

Was ich noch an diesem Land schätze…? Es ist das verborgene Ungarn… Ein Land, das abseits der Touristenmagnete Budapest, Balaton… unzählige verborgene Natur- und Kultur-Schätze versteckt hält. Das Land ist großteils noch nicht zersiedelt, vielen Menschen merkt man noch eine Bescheidenheit an… Es ist ein positives Nichts, in das man sich fallen lassen kann und das Platz für Selbstentfaltung lässt…

Und noch etwas hat sich in die Seele der Ungarn eingebrannt… Die Sehnsucht nach Freiheit: Der zunächst verlorene Freiheitskampf gegen die Habsburger 1849/49 und v.a. gegen den Sowjetkommunismus wird heute noch mit der 56er-Revolution der Ungarn verbunden.

Doch besteht dieser Kampf immer nur in Verbindung mit „Freiheit und Liebe“ – wie es der ungarische Nationaldichter und Freiheitsheld Sandor Petöfi einmal ausdrückte: „Für meine Liebe opfre ich meine Leben. Doch für die Freiheit will ich gern die Liebe geben.“

In „Liebe“ erzählt der ungarische Schriftsteller Tibor Dery von der Entlassung eines politischen Häftlings zurück nach Hause zu seiner geliebten Familie:

„Die Frau lief zu ihm, (…) schmiegte sich mit dem ganzen Körper an ihn:
„Mein Einziger“, flüsterte sie.
„Wirst du dich an mich gewöhnen können?“ fragte B.
„Nie habe ich einen anderen geliebt“, sagte die Frau. „Ich war Tag und Nacht bei dir. Deinem Sohn habe ich Tag und Nacht von dir erzählt.“ …
„Liebe auch unseren Sohn“, flüsterte sie noch…
„Ja“, sagte B., „ich werde mich an ihn gewöhnen, werde ihn liebgewinnen“…
„Wirst du dich an mich gewöhnen können?“, fragte er immer wieder.
„Mein Einziger“, sagte die Frau.
„Schläfst du die Nacht bei mir?“ … Bleibst du die ganze Nacht bei mir?“
„Ja“, sagte die Frau. „Jede Nacht, solange wir leben.“

Damit zusammen hängt…: Die für den Westen nur schwer verständliche antagonistisches ungarische Mentalität in ihrer Mischung aus Resignation und Lebensintensität. Nichts charakterisiert dies besser als der Nationaltanz, der Csárdás.

 

Quelle: https://auswandern-info.com/ungarn/erfahrungen

 

 

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