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Rentnerpaar in Schweden

Rentnerpaar in Schweden

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Schweden war das Traumland und sollte es auch im Alter bleiben. Doch vieles war nicht so wie erwartet. Nun steht das Ehepaar vor der Rückkehr nach Deutschland. Wie es dazu kam, darüber sprechen sie im Interview.

Mein Ehemann und ich sind 2012 nach Småland, Schweden, ausgewandert. Mit Rentenantritt meines Mannes wollten wir endlich nach 10 Jahren der Renovierung und Planung im eigenen Haus leben, das wir 2002 hier gekauft hatten.

In Deutschland wohnten wir zur Miete und wollten bis Renteneintritt gerne eine Eigentumswohnung oder ein Haus haben, damit wir mit der Rente mietunabhängig sein konnten. Bei den Hauspreisen in Deutschland schon kaum machbar. Es sollte also noch finanzierbar sein, gerne etwas ländlich liegen und vor allen Dingen ruhig gelegen sein, da wir den Großstadtlärm satt hatten. Durch einen Schüleraustausch unserer Tochter nach Schweden lernten wir die Gegend hier kennen und waren vor allen Dingen von den niedrigen Hauspreisen und den großen Grundstücken fasziniert. Das war dann auch ausschlaggebend und wir kauften kurz entschlossen 2002 unser jetziges Haus, das wir dann bis 2012 als Ferienhaus nutzten. Da wir beide große Gartenfans sind, hatten wir außerdem den Plan, uns einen kleinen Laden aufzubauen, möglichst auf eigenem Grundstück.

Dieser Plan hat sich schon im ersten Jahr geändert, da wir einsehen mussten, dass unsere "Geschäftsidee" hier nicht auf fruchtbaren Boden stoßen wird. Durch gesundheitliche Probleme wurde auch recht schnell klar, dass wir nicht auf Dauer hier bleiben möchten.

Überraschungen und Hürden

Überraschungen gab es hier für uns gerade im Bereich Umwelt und Natur, da nicht alles so "heil" ist, wie es ausschaut. Wir mussten lernen, dass nicht jeder See so klares Wasser hat, da dort früher Löschchemikalien der Feuerwehr entsorgt wurden. Auch die intensive Papierherstellung mit entsprechenden Abfallprodukten hat ihre Spuren hinterlassen, ebenso die Monokultur in der Forstwirtschaft. Im Glasreich sind noch heute die Böden und das Wasser mit Arsen und anderen Chemikalien verunreinigt. Überrascht waren wir vor allen Dingen von der Unwissenheit und dem Verdrängen dieser Tatsachen durch die Menschen hier.

Hürden bei der Anmeldung gab es hier wenige, wir hatten uns vorinformiert. Etwas erstaunt waren wir von der langsamen Bürokratie, viele Formulare mussten erledigt werden und es dauerte relativ lange, bis alles beisammen war. (2012 mussten wir uns noch über das Migrationsverket anmelden. Das ist jetzt nicht mehr notwendig.)

Störend wirkten die vielen gutgemeinten Hinweise anderer deutscher Einwanderer, auf die man hier in Småland allerorts stößt, die alles besser zu wissen schienen, aber oft völlig falsch lagen. Wir verzichteten sehr schnell auf diese wohlgemeinten Tipps. Kompliziert und teuer war die Anmeldung unseres PKWs, den wir in Deutschland neu gekauft hatten und der importiert werden musste. Geholfen hat uns natürlich bei den Behördengängen auch, dass wir schon noch in Deutschland schwedische Sprachkurse gemacht hatten und uns einigermaßen verständigen konnten.

Gesundheitssystem als großer Minuspunkt

Überraschend war und ist für uns noch immer das Gesundheitssystem und hier treffen spezielle Dinge für uns als deutsche Rentner, pflichtversichert in der deutschen Krankenversicherung, zu. Leider hatten wir uns damit nicht genügend auseinandergesetzt und hofften, genauso gut wie in Deutschland bei Krankheit versorgt zu sein.

Da wir hier einiges an "Pannen" im Gesundheitssystem erlebt haben, ist unsere Angst besonders bei akuten Erkrankungen sehr groß. Hier nur ein Beispiel: Vor kurzer Zeit hatte ich an einem Wochenende Probleme mit dem Herzen. Also rief mein Mann die 112 und die Ambulanz kam. In unserem Gebiet sind diese Ambulanzwagen mit speziellem Krankenpflegepersonal besetzt, aber nicht mit einem Notarzt. Wir hatten Glück, der Wagen kam recht zügig, was nicht immer der Fall ist. Normalerweise wird dann ein mobiles EKG angeschlossen und an das nächste Krankenhaus übermittelt und ggf. eine Therapie eingeleitet. Leider konnte das nicht geschehen, da das Gerät defekt war. Nach langem hin und her musste ich dann doch zum nächsten Krankenhaus, wo dann ein EKG gemacht wurde, aber kein Facharzt es beurteilen konnte. Nach 6 Stunden Warten, währenddessen sich mein Zustand von selbst wieder stabilisiert hatte, riet man mir, nach Hause zu fahren und am nächsten Tag meine Gesundheitszentrale vor Ort aufzusuchen. Ich frage mich, was gewesen wäre, hätte ich einen Infarkt oder Ähnliches gehabt?

Benötigt man einen Facharzt oder Röntgen, so muss man zum nächsten Krankenhaus. Hat man keine Überweisung und versucht selbst einen Termin zu bekommen, dauert es garantiert noch länger als normal. An Feiertagen und in den großen Ferien sind die Krankenhäuser chronisch unterbesetzt und die Wartezeiten sind noch erheblich länger als normal. Unsere Erfahrungswerte: Warten auf Langzeit EKG 4 Monate, Warten auf MRT 3 Monate, Warten auf einen Physiotherapietermin 4 - 6 Wochen etc. Außerhalb der Schulmedizin findet man sehr wenig Alternativen. Also keine Heilpraktiker, Naturmediziner oder Homöopathen. Mir ist nur eine anthroposophische Klinik in der Nähe Stockholms bekannt.

Dazu sind erhebliche Kosten im Gesundheitssystem auf uns zugekommen. Jeder Arztbesuch kostet 200 kr ungefähr 21,50 € (je nach Stand der Krone), Rezepterneuerung 100 kr. Insgesamt innerhalb von 12 Monaten 1100 kr = 117 €, ab dann hat man die Besuche usw. für den Rest der 12 Monate frei. Erst ab einem Lebensalter von 85 Jahren ist man ganz befreit. Dazu kommen noch die Kosten für die Medikamente. Hier muss man innerhalb von 12 Monaten 2200 kr. = 334 € selber tragen. Dies ist prozentual gestaffelt. Danach ist man befreit. Zahnarztbehandlungen trägt man bis zu 3000 kr = 319 € selbst, von 3000 - 15000 kr werden 50 % ersetzt, über 15000 kr. 85 %. Es kommt also auch bei einfachen Zahnbehandlungen immer eine stattliche Summe zusammen.

Da wir hier in Schweden nicht gearbeitet haben, nur unsere deutsche Rente erhalten, pflichtversichert in der deutschen Krankenkasse sind, also auch in Deutschland unsere ganz normalen Beitrage zur gesetzlichen Krankenkasse zahlen, sind diese Kosten, die hier zusätzlich entstehen, für uns eine enorme Mehrbelastung. Die Versorgung von alten Menschen sieht auf den ersten Blick recht gut aus. Sie können in ihren eigenen vier Wänden bleiben und werden ambulant betreut. In unserer Umgebung sind Altenheimplätze rar und begehrt. Die Versorgung zu Hause hat aber auch erhebliche Nachteile. Die ambulanten Pflegepersonen wechseln oft und die meiste Zeit verbringen ältere Menschen dann doch allein zu Hause. Dies ist auch nicht die Traumversorgung, die man sich so vorstellt. Für uns wäre es dann noch so, dass die deutsche Pflegekasse keine Sachleistungen zahlen würde und wir diese auch aus eigener Tasche tragen müssten. Also auch in Hinblick auf Alter und Pflege haben wir große Bedenken.

Die schönen Seiten nicht vergessen

Einer unserer schönsten Ausflüge, den wir hier gemacht haben, führte uns auf die kleine Schäreninsel Orö. Von Klintemåla südlich von Västervik an der Ostküste wurden wir von einem Kapitän mit seinem kleinen Boot für ca. 15 Personen abgeholt und fuhren an einem wunderschönen Sommertag durch die Schärenwelt. Mittendrin zwischen den vielen kleinen Felseninselchen stoppte unsere Fahrt und wir bekamen ein "Frühstück auf See". Danach ging es weiter bis zur kleinen Insel Orö. Da entpuppte sich unser "Kapitän" als wandelndes Lexikon für Pflanzen und Natur. Ich lernte Pflanzen kennen, die ich noch nie gesehen hatte. Nach einem zweistündigen Rundgang durch den Inselwald und die Wiesen ging es zu seiner Frau zum Kapitänshaus. Hier erwartete uns ein herrliches Mittagsmahl, frischer Aal mit Ei, Salat, Brot, Erdbeeren, Schlagsahne satt, alles superfrisch. Danach starker Kaffee. Das alles bei herrlichstem Sonnenschein und frischer Luft. Nach der Mittagspause und Rundgang durch das alte Haus, wo ich mich immer noch an die herrlich bemalten Zimmertüren erinnere, ging es am Nachmittag zurück zum Festland. Einen solchen Tag vergisst man nicht!

Spannend war auch unser erstes großes "JULBORD" Weihnachtsbuffet, das wir extra in einem kleinen dörflichen Gemeindezentrum gebucht hatten, mit all den typischen Speisen. Alle Menschen hatten sich schick gemacht für diesen Abend, die Tische waren hübsch dekoriert und es duftete herrlich. Dann nahm man sich seinen Teller und wanderte los. Ich hatte mich beim ersten Gang für Fischiges entschieden und wählte einige Häppchen sill/Hering. Zurück an unserem Tisch dachte ich, ich sehe nicht richtig. Unsere Nachbarn hatten alles, aber auch wirklich alles auf ihren Tellern: Köttbullar, Hering, Pastete, Preiselbeeren, Weihnachtsschinken, Soße und Weihnachtswurst. Lediglich der Milchreis mit Himbeeren war auf einem extra Schälchen. Alle schauten auf das Wenige auf unseren Tellern und schmunzelten. Vorsichtig schaute ich zu den anderen Tischen, aber auch dort sah ich nur volle Teller. Bis heute schaffe ich es nicht dieses Durcheinander zu versuchen, aber Hauptsache ist, jedem schmeckt es.

Schwieriger Weg zur Integration

Als verheiratete Deutsche bin ich hier akzeptiert und habe auf Grund meiner Herkunft keine Schwierigkeiten im Gegensatz zu Flüchtlingen oder Asylsuchenden. Offiziell soll es keine Diskriminierung geben, aber gerade in den hier ländlichen Gebieten existiert sie und lässt sich auch nicht wegreden. Das wiederum ist für mich eine Schwierigkeit, da ich dies für nicht akzeptabel empfinde. Komischerweise glauben einige Deutsche, dass sie die besseren Einwanderer sind und äußern sich auch dementsprechend.

Wichtig für die Integration ist die Sprache, wie in jedem anderen Land. Integriert fühle ich mich trotzdem nicht, da ich nicht die gleiche Mentalität der Menschen hier besitze und charakterlich anders konzipiert bin. Zum Beispiel bin ich kein Vereinsmensch, bin kirchlich nicht organisiert, mag keine Volkslieder, Sport ist ein Muss, aber kein Lebensinhalt. Ich bin ein kritischer, politischer Mensch, der sagt, was er denkt, auch öffentlich, und dafür auch einsteht. Das entspricht nicht unbedingt der hier einheimischen Lebensweise und dem Charakter der Bevölkerung (Småland). Richtige Freunde zu finden ist nicht einfach und ich würde sagen, ich habe gute Bekannte gefunden, aber keine tiefere Freundschaft. In meiner früheren Heimat in Deutschland waren die Menschen offener, geselliger und zugänglicher.

Auswanderung gescheitert?

Wir werden Schweden wohl wieder den Rücken kehren. An erster Stelle wegen der gesundheitlichen Versorgung. Wir hören zwar immer wieder auch negative Berichte aus dem deutschen Versorgungssystem, haben aber selbst nicht solche negativen Erfahrungen gesammelt.

Der zweite Grund sind eindeutig die Finanzen: Alleine die finanziellen Einbußen, die wir auf Grund der Umrechnung "Euro in Krone" haben, sind ganz erheblich. Nur durch den Umtausch der Währung hatten wir teilweise Verluste im vierstelligen Bereich. Das ist für Rentner mit durchschnittlicher Rentenhöhe ein stattliches Sümmchen. Die Krone steht, seit wir hier leben, permanent stärker als der Euro. Dazu kommen schon alleine durch die höhere Mehrwertsteuer von 25 % höhere Lebenshaltungskosten als in Deutschland. Dies macht sich auch bei Handwerkerkosten stark bemerkbar. Strom-, Wasser- und Müllentsorgungsgebühren sind in den letzten Jahren ebenfalls enorm angestiegen.

Als Alternative zu Deutschland könnten wir uns Österreich gut vorstellen. Diesen Schritt würden wir aber noch genauer abwägen mit entsprechender besserer Vorbereitung, vor allen Dingen in den kritischen Punkten.

 

Quelle: https://www.deutsche-im-ausland.org/im-ausland-leben-und-arbeiten/leben-im-ausland/erfahrungsberichte/schweden-rentnerpaar.html

 

 

 

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