Das Schlüsselerlebnis


Ein Schlüsselerlebnis gipfelt in der nachvollziehbaren Erfahrung, dass der Schlüssel oftmals im Mittelpunkt des Geschehens steht oder vielmehr mitten auf einem Weg liegt, während er trotz eifriger, hingebungsvoller Suche mit einem sichtbar verzweifelten Gesicht nicht gefunden wird.

Während ein bestimmter Mensch, der bisher noch kein Schlüssel- Erlebnis hatte, diesen notwendigen Schlüssel eindeutig verloren hat, hat er angesichts der Suche mit grübelnden Gedanken, wo der Schlüssel wohl sein könnte, zweifellos vorübergehend den Kopf, aber nicht sein Gesicht und noch weniger den hoffnungsvollen Glauben verloren, dass er ihn bald mit Sicherheit an einem ungewohnten Platz finden wird.

Der übereifrig, aber auch sorgfältig suchende Mensch findet in diesem entscheidenden, überaus tragischen Moment bei dieser Gelegenheit in allergrößter Verlegenheit eher sich selbst, als den verlorenen Schlüssel.

Diese alles andere als angenehme Erfahrung flößt nur wenig Hoffnung, aber umso mehr ein beängstigendes Gefühl der Verlorenheit ein, das sich klar erkennbar in den Gesten des Menschen und in seiner Mimik bemitleidenswert widerspiegelt.

Ohne das er selbst unmittelbar einen fatalen Zusammenbruch erleidet, scheint seine Existenz in diesem Augenblick der Ohnmacht und Verlorenheit mit einem Schlag, förmlich von diesem Schicksal geschlagen, zusammenzubrechen.
 

Während er sich ziemlich sinnlos mit persönlichen Vorwürfen konfrontiert und sich schlagartig stirnrunzelnd von der eigenen Stirn schlägt, gibt er sich zunächst als ein Mensch, der entschlossen bereit ist, beherzt durchzuhalten, nicht geschlagen.
 
Während auch andere Menschen, die laufend unterwegs sind, diese Erfahrung, die zum einschneidenden Schicksal werden kann, zweifellos nicht ohne Verzweiflung durchlaufen und keineswegs verwegen, die Stirn in Falten legen, haben sie, unabhängig von diesem verlorenen Schlüssel, den Schlüssel des Lebens noch nicht gefunden.

Keineswegs verschlossen, suchen sie mit extrem aufgeschlossen - nun Augen und scharfen Blicken mit verzweifelter Entschlossenheit und verzweifeltem Gesicht, in diesem Moment zwar vom Schicksal, aber nicht mit Blindheit geschlagen, den entscheidenden Schlüssel.

Sie pflegen dabei gelegentlich moderne Scheuklappen zu tragen, tragen aber ihr persönliches Schicksal mit Anstrengung und mit dem verzweifelten Versuch, Würde auszustrahlen, wobei der verlorene Schlüssel ihre Ausstrahlung extrem einschränkt.

Der verlorene Schlüssel, der nicht die Fähigkeit besitzt, seinen Besitzer persönlich aufzusuchen und mit seiner Gegenwart zu beglücken und der nicht zum gewünschten Paradies führen muss, existiert nur noch in der bloßen Vorstellung.

Als der normalerweise lebensfrohe, aber nunmehr betroffene Mensch nach gewohntem Treppensteigen mit seufzender Erleichterung, aber auch mit ausgeprägter Erwartungsfreude und mit Standvermögen, ohne ein Vermögen in der Geldbörse mitzuführen, vor der vertrauten Wohnungstür stand, um sich bald in seinem gemütlichen Wohnungsrevier verdientermaßen zu entspannen, malte sich zwangsläufig ohne Verzicht eine große Bestürzung in sein keineswegs heiteres Angesicht.
 
Trotz seiner mitmenschlichen, munteren Absicht, sich für die Werte des kostbaren Lebens zu öffnen, konnte er, ohne den Mut zu verlieren, die Tür nicht öffnen, weil er zu seinem Leidwesen den Schlüssel, selbst mit allergrößter Energie und Leidenschaft versehen, nicht finden konnte.
 
Dieser aufgeschlossene Mensch hatte zwar die einmalige Fähigkeit, je nach Situation zahlreiche Herzen zu öffnen, blieb allerdings auf seinem Lebensweg ohne Schlüssel zweifellos ziemlich unschlüssig.

Bei dieser Gelegenheit geriet auch er in den Sog einer unausweichlichen Verlegenheit und verlor zwar nicht den Verstand, aber nach übereifrigem, hingebungsvollem Suchen seine sonstige heitere Gelassenheit, die ihn, ohne ein Zeichner zu sein, bisher förmlich auszeichnete.

Angesichts dieser unschönen, nicht kalkulierbaren Erfahrung, wurden Verzweiflung und Wut zu einer bedrohlichen Wirklichkeit und wuchsen, kaum zu bremsen, ins Unermessliche.

Wenn ein beliebiger Mensch nicht nur einen solchen Schlüssel konzentriert und eifrig, sehr bemüht gegen alle Regeln der Kunst vergeblich sucht, dann kann dieser diese ungewünschte Wirklichkeit wohl als ein berühmt berüchtigtes Schlüsselerlebnis bezeichnen.

Er kann daher lediglich auf ein fruchtloses Erlebnis, ohne fruchtbares Ergebnis zurückgreifen.

Während er dieses Öffnungsgerät mit äußerster Besessenheit sucht, reagiert der Körper bereits auf die extrem forcierte Überanstrengung und Überforderung.
 
Angesichts dieser bemerkenswerten Entwicklung nehmen die Augen im Einklang mit dem anhaltend verzweifelten Gesicht eine glühend rote Farbe, ohne das der gewünschte Schlüssel die Absicht hat, sich erkennen zu geben.

Erst wenn er dieses verzweifelte Suchen mit einem guten Schuss Resignation und mit gedämpftem Humor endlich aufgegeben hat, ohne weiterhin mit sichtbar hängenden Schultern bereit zu sein, ihn zu suchen, weil die Verzweiflung in eine tragische Ohnmacht umgeschlagen ist, findet sich plötzlich, so als sei er vom Himmel zugefallen, das heißbegehrte Objekt der Begierde gegen alle Erwartung wieder ein.

Das naheliegende Bedürfnis, ihn mit gebotener Dringlichkeit zu suchen, trug zwar vorübergehend zu einigen Sorgenfalten bei, aber keine Früchte.

Jeder Einfall, der den Suchenden heimsuchte, war ein Reinfall. Die Tatsache, dass er die Suche, ohne sein persönliches Leben aufzugeben, aufgegeben hat, brachte ihm die Wirkung und Bedeutung des Zufalls näher.

Ohne einen Funken Hoffnung zuzulassen, lässt der plötzlich klug gewordene Mensch, nunmehr ein Opfer der Resignation, auf Grund mancher Reinfälle alle Einfälle fallen und verlässt sich nur noch äußerst heimlich, aber manchmal auch unheimlich auf den rettenden Zufall.

Wenn dieser Mensch dann plötzlich (womit kaum zu rechnen war) den begehrten Schlüssel mit erleichterndem Triumph unerwartet, aber glaubhaft in die Höhe hält, als sei dieser Gegenstand ein einmaliger Schatz, dann ist er in der Tat die einmalige Schlüsselfigur in einem allerdings wiederkehrenden Schlüsselerlebnis.
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© Mario Schoofs

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