Nun reitet er wieder (St. Martin)

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Es war kalt und düster und wie bestellt, wirbelten uns kleine Flocken um die Ohren, die immer dichter wurden und der Wind zog mächtig durch die Mäntelchen. Unsere Schuhe und Kleidung waren nicht allzu warm in diesen Zeiten. Ich hielt meine Laterne krampfhaft fest, man musste sie gerade halten denn die Kerze darin konnte sie schnell in Brand stecken. Als Mutter und ich mit uns auf dem Schulhof ankommen, brennt schon ein riesiger Mond, der gerade ausgetreten wurde das Kind stand verdattert da. - Es tat mir leid, denn so einen großen Mond wollte ich schon immer haben, oder eine Sonne, doch das war wohl zu teuer für uns.

In diesen Zeiten nach dem Kriege war es ohnehin auf den Strassen sehr dunkel. Die Gaslaternen waren spärlich gesät an den Gehwegen. Das Schneetreiben wurde dichter und die Klassen sammelten sich. Ich war noch nicht in der Schule und stand dicht bei Mutter. Mein Bruder ging zu seiner Gruppe. Die großen Schüler hatten Pechfackeln angezündet und bildeten die Wegbegleiter am Rande und am Schluss des Zuges. Dann hörte ich die Blasmusik und der Ritter St. Martin kam mit seinem Schimmel auf den Schulhof. Ich weiß nicht mehr, woher wir gingen, immer dicht hinter der Musikkapelle - den Helm von St. Martin im Visier. Wir sangen aus Leibeskräften, singen war eh meine Stärke. Schon von klein an sang ich mit Schwester immer zweistimmige Leider beim Spülen oder Kartoffelschälen und zu Weihnachten sangen wir dann alle gemeinsam (wir drei Kinder, später dann vier) vor dem Christbaum sämtliche Weihnachtslieder rauf und runter, ich konnte alle Strophen auch wenn ich noch gar nicht lesen und schreiben konnte. Das schöne an diesen Festen jedoch war nicht das Singen oder die Lichter, sondern eher (wie ich heute weiß) die Gemeinsamkeit. Man fühlte sich an diesen Tagen besonders geborgen, wenn Mutter ruhig dabei saß, die sonst immer rannte und Papa zu Hause war und mit seiner Baritonstimme mitsang. Später dann – als Mutter einen Riesenweckmann herbei zauberte und ihn gleichmäßig aufteilte zum duftenden Kakao. Es war heimelig - wenn Papa dann seine Geschichten mit Fortsetzung erzählte, bei denen es oft um Elfen Gnomen und Zauberei ging. Ein großer Teller stand dann mitten auf dem Küchentisch, in dem Nüsse und Feigen lagen. Auf der Ofenplatte wurden Kastanien gebraten. Ich erinnere daran, wie es Bratäpfel gab, die so herrlich dufteten wie nie was zuvor, wenn sie in dem alten schwarzen Gussbräter auf dem Feuerofen standen und vor sich hin schmorten.

Viel später, als ich dann ein Schulkind war, feierten wir St. Martin in der Schule – dort gab es dann den Weckmann und wir gingen nach dem Zug zum Gripschen. Dies war toll, Abends allein auf den Strassen rumlaufen, mit einem Kopfkissen (Plastiktüten gab es noch nicht) und an den Läden anstehen und singen, um einige billige Bonbons zu erhaschen oder einen Apfel Nüsse u.a. Doch leider wurde das Zeugs geworfen und da hatten natürlich die großen Jungens die im Hintergrund grölten den Vorteil, sie traten auch auf unserer Finger, wenn wir etwas aufheben wollten und das tat weh und war gar nicht lustig. Wenn wir später dann mit unserer Beute nach Hause kamen und alles auf den Tisch schütteten, waren nicht eingepackte Plätzchen zerbrochen und vermischten sich auch schon mal mit dem Stück Leberwurst, das der Metzger gab. Wertvoll war es, wenn man ein Radiergummi bekam oder Stifte vom Schreibwarenhändler oder eingepackte Kräuterlis von der Apotheke. Auch das Basteln der Laternen vorher im Unterricht machte Spaß, mir als kreatives Mädel fiel dies nie schwer und ich half anderen gerne dabei, das war besser, als der teils langweilige Unterricht in Fächern die eh keinen Spaß machten. Ich erinnere mich dass St. Martin auch immer so eine Art Abschluss des Jahres war, dahingehend, dass ab da die stille Zeit begann. Die Zeit der Lichter, der glitzernden Adventkalender, der Advent mit seinen der Vorbereitungen – des Backens und der Heimlichkeiten bei Jung und Alt. Damals gab es keinen Plattenspieler und keinen Fernseher. In der Musik war man angewiesen auf das, was die wenigen Sender in dem alten Volksempfänger so brachten. So musizierte man selbst und sang. Oft gab es Hörspiele, denen ich folgsam lauschte für uns Kinder gab es die Kinderhörreihe *Kalle Bonquist* mit ihren spannenden Fortsetzungen, sie passte in unserer Zeit nach dem Kriege, wo dunkle Strassen, verlassene Felder, ausgebombte Schrebergärten und Trümmergrundstücke unsere Spielkulisse waren.

Viel später, als ich größer wurde, ging es darum, welche Schule die besten Fackeln bastelte, da diese ausgestellt wurden. Riesige Plakate wurden gemeinsam auf der Erde gezaubert und viele Martinsbilder, welche die hohen alten Schulfenster schmückten zu jener Zeit. Wir waren bescheiden, hatten unsere Familien doch alle nicht viel, dafür aber viele Kinder. Das machte uns gleich, nur wenige waren die so genannten *Reichen* und die sonderten sich auch hochmütig und deutlich von uns ab. Mir machte das nichts aus, ich hatte bei uns dreien später vieren schnell gelernt, dass Neid nichts bringt und teilte gern. Was mich sicher machte auch wenn ich still war und zurückhaltend, war – dass die reichen Kinder durchaus nicht schlauer waren als wir anderen und gerne die Hilfe von unsereinem im Unterricht annahmen.

Ich erinnere mich noch, dass wir später, als wir die großen Kinder in der Schule waren, nur noch einen halben Weckmann bekamen. Ob das so gesparte Geld wirklich an Arme als Spende ging, möchte ich heute bezweifeln. Viel später als mein Sohn dann mit dem Martinszug ging, bekamen die Kinder ihre Martinstüten, natürlich wurde und wird dafür auch heute noch gesammelt bei den Eltern und auch an den Haustüren. Die St. Martinsfeier, der Zug, der Martin, die Pferde alles muss bezahlt werden und es sind immer gemeinnützige private Vereine, die sich darum kümmern.

Die lustigste Martinsfeier erlebte ich damals, als wir in Köln wohnten, die Züge der verschiedenen Schulen sammelten sich zu einem großen indem Ort damals. Wir Mütter gingen wie immer mit unseren Kleinen die dunklen Wege entlang. Die Fenster der kleinen Häuser waren toll geschmückt mit Laternen und Kerzen u.a. Nachdem wir Mütter wie immer in dieser nassnebligen Zeit schon heiser vom Singen waren und die Kinder lustig durcheinander quakten und schrien, kamen wir endlich an dem großen Platz an, wo Martin sich mit dem Pferd zu dem Bettler am Feuer gesellte. Und der Bettler bat - mit nackten Füßen in Sandalen, nur wenige Sackleinenfetzen am Körper – wie immer um Gnade. Tatsächlich lag auch bei uns damals etwas Schnee und es war wirklich biestig nasskalt an Händen und Füßen. Die Kinder fanden es geil. Ob ihnen zu allen Zeiten durch das kleine Schauspiel je der Sinn des Helfens in der Not bewusst wurde, ich bezweifle es stark. Doch dann, als das Spektakel zu Ende war, kam das größte Schauspiel für die Kinder, nämlich die Feuerwehr, die schon im Hintergrund mit dem großen Löschwagen wartete und nun zur Tat schritt, das hohe Martinsfeuer zu löschen, das faszinierte alle, die Kleinen und die Großen Kinder –

Gut, dass für uns Erwachsene Zuhause das duftende Martinsmenu und die Bratäpfel sowie der selbst gebraute Glühwein, der es in sich hatte, wartete. Das rundete den Martinsabend immer feierlich ab beim Klang schöner Tischmusik und kleinen leuchtenden Laternen auf dem Tisch.

Ns. Heute ist dies alles für kein Kind mehr etwas Besonderes. Schon als Baby werden sie überflutet von Lichtern jeder Arzt, Glitzern tut das ganze Jahr über etwas, und Leckerli gibt es auch immer. Weihnachten ist auch nur noch etwas, das man eben feiert, nur wenige suchen noch ihren ganz persönlichen Sinn in diesen Festen. Der Kopf vieler ist voll, von dem was heute Hipp ist und morgen out. Anderes hat da keinen Platz mehr in den Köpfen und Herzen. Doch später, viel später, was machen sie dann mit ihren Kindern. Was überliefern sie ihnen. Wie werden diese überrascht, wo gibt es für ihre Kinder noch spannende Heimlichkeiten, Träume und Fantasie sowie Wunschvorstellungen …

Die vielen, die in die Armutsmühlen geraten sind, ob schuldig oder unverschuldet, die würde ein kleines Licht noch erfreuen, doch deren Lichter gehen bald aus …

amanfang 2 270

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